Anders gedacht: Was Neurodiversität für die psychologische Praxis bedeutet
Inhalt:
Neurodiversität ist in der klinischen Praxis angekommen. PatientInnen und KlientInnen bezeichnen sich als „neurodivergent“, fordern eine nicht-pathologisierende Behandlung und betrachten ihre Diagnose als Teil ihrer Identität. Gleichzeitig wird der Begriff zunehmend wissenschaftlich verhandelt. Für PsychotherapeutInnen und PsychologInnen, die in den Bereichen Diagnostik, Beratung oder Behandlung tätig sind, ist dies keine akademische, sondern eine praktische Frage: Wie lässt sich klinische Verantwortung mit einem veränderten Selbstverständnis der KlientInnen vereinbaren?
Begriffsgeschichte: Von der Selbstvertretung zur Wissenschaft
Der Begriff „Neurodiversität” entstand nicht durch eine einzelne Person, sondern kollektiv in neurodivergenten Online-Communities der 1990er Jahre. Archivfunde zeigen, dass der Begriff „neurological diversity” bereits 1996 in der Mailingliste Independent Living verwendet wurde, bevor er in wissenschaftlichen oder journalistischen Texten auftauchte (Botha et al., 2024). Der Journalist Harvey Blume brachte den Begriff 1998 in Printmedien und schrieb die zugrunde liegende Idee ausdrücklich dieser autistischen Online-Community zu (Botha et al., 2024).
Bereits in den 1980er und frühen 1990er Jahren hatte der Autist Jim Sinclair in seiner Community öffentlich argumentiert, dass Autismus eine grundlegende Art des Seins sei, nicht eine Begleiterscheinung, die von der Person getrennt werden könne (Sinclair, 1993). An diese Selbstvertretungsbewegung knüpfte die australische Soziologin Judy Singer an, die 1998 die erste akademische Aufarbeitung des Konzepts in ihrer Abschlussarbeit „Odd People In” verfasste (Fung & Doyle, 2021). Singers Arbeit gilt seither als erste soziologische Studie der Neurodiversitätsbewegung, nicht jedoch als Ursprung der Idee selbst (Botha et al., 2024). Eine wichtige institutionelle Anerkennung erfuhr das Konzept 2021, als die American Psychiatric Association den Sammelband Neurodiversity: From Phenomenology to Neurobiology and Enhancing Technologies (Fung, 2021) herausgab, der einen stärkenbasierten Ansatz für den klinischen, pädagogischen und beruflichen Kontext entwirft.
Schlüsselbegriffe
Neurodiversität bezeichnet die neurokognitive Vielfalt der gesamten menschlichen Bevölkerung. Fung & Doyle (2021) definieren sie als Konzept, das Unterschiede in Hirnfunktion und Verhalten als Teil der normalen Variation der menschlichen Bevölkerung versteht.
Neurodivergenz bezeichnet das individuelle Vorliegen einer neurologisch atypischen Ausprägung, die im gesellschaftlichen Kontext mit Beeinträchtigungen verbunden sein kann, wie Autismus, ADHS oder Dyslexie (Dwyer, 2022).
Während der Begriff Neurodiversität die Vielfalt aller Gehirne als gesellschaftliches Phänomen beschreibt, bezeichnet Neurodivergenz die konkrete, individuelle Abweichung. Letzterer Begriff wird in der klinischen Begegnung unmittelbar relevant.
Neurotypisch bezeichnet Personen, deren Neurologie der gesellschaftlichen Mehrheitsnorm entspricht.
Neuronormativität bezeichnet Normen und Erwartungen, die neurotypische Denk-, Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen als Maßstab setzen und neurodivergente Formen der Kognition und des Verhaltens als abweichend oder defizitär bewerten (nach Catala, 2023).
Wer ist gemeint? Umfang und Grenzen des Begriffs
Das Konzept steht dem medizinischen Defizitmodell gegenüber, das Abweichungen von einer neurotypischen Norm als Störung klassifiziert, und umfasst vor allem neuroentwicklungsbedingte Besonderheiten wie Autismus-Spektrum-Störung, ADHS, Dyslexie, Dyskalkulie, Dyspraxie und Tourette-Syndrom. Diese gelten in DSM-5 und ICD-11 weiterhin als psychische Störungen mit klinisch relevanter Beeinträchtigung. Das Neurodiversitätskonzept stellt in seiner moderaten Form nicht ihre Existenz infrage, sondern ihre ausschließlich defizitorientierte Rahmung, denn dieselben Eigenschaften können je nach Kontext Stärken oder Herausforderungen darstellen. Sonuga-Barke und Thapar (2021) betonen jedoch, dass Diagnose und Behandlung für viele Betroffene weiterhin unverzichtbar bleiben und durch ein neurodiversitätsorientiertes Verständnis ergänzt, nicht ersetzt werden sollten. Klinisch relevant ist die hohe Komorbiditätsrate zwischen einzelnen neurodivergenten Diagnosen. Chellappa (2025) weist darauf hin, dass das gleichzeitige Vorliegen mehrerer neurodivergenter Bedingungen in der Praxis noch zu selten systematisch erfasst wird, und plädiert für ein breiteres Screening unabhängig vom primären Überweisungsgrund. Eine Sensibilisierung für das gleichzeitige Vorliegen mehrerer neurodivergenter Bedingungen ist dabei auch in diagnostischen und beratenden Kontexten relevant.
Die Grenzen des Begriffs sind wissenschaftlich umstritten. Während manche AutorInnen Hochbegabung oder Hochsensibilität einschließen, lehnen andere eine solche Ausweitung ab, weil sie den Begriff konzeptionell verwässert. Ätiologisch umstritten ist hingegen der Status von FASD (Fetales Alkoholspektrum): Als pränatale Schädigung durch Alkoholexposition unterscheidet es sich grundlegend von neuroentwicklungsbedingten Varianten wie Autismus oder ADHS. Ob es damit sinnvoll unter das Neurodiversitätsparadigma fällt, wird kontrovers diskutiert. Ein weiteres Phänomen ist die Zunahme von Selbstdiagnosen, verstärkt durch digitale Communities, was Fragen zur diagnostischen Validität und zur Versorgungssteuerung aufwirft. Wie unterschiedlich neurodivergente Menschen ihre Identität sprachlich fassen, zeigen Bury et al. (2026): Die bevorzugten Selbstbezeichnungen reichen von „neurodivergent” über „divergent minority” bis zu informellen Begriffen wie „spicy”, je nach Diagnose, Kontext und persönlicher Haltung.

Wer gehört dazu? Die Grenzen des Neurodiversitätsbegriffs sind konzeptionell wie ätiologisch (noch) umstritten.
Das zentrale Spannungsfeld: Diversität oder Störung?
Das Neurodiversitätskonzept bewegt sich in einem für die klinische Praxis unmittelbar relevanten Spannungsfeld: Sind Autismus, ADHS oder Dyslexie neurobiologische Entwicklungsvarianten oder behandlungsbedürftige Störungen? Diese Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten, da sie von Perspektive, Kontext und individuellem Leidensdruck abhängt. Sonuga-Barke und Thapar (2021) sehen im Neurodiversitätskonzept das Potenzial, Stigmatisierung zu verringern, Umweltanpassungen zu fördern und die Stärken neurodivergenter Menschen stärker in den Blick zu nehmen. Zugleich lehnen sie eine radikale Form der Neurodiversität ab, die diagnostische und therapeutische Konzepte marginalisieren würde, und plädieren dafür, neurodiversitätsorientierte Ansätze ergänzend zu etablierten klinischen Vorgehensweisen einzusetzen.
Hinzu kommt eine ethische Dimension: Diagnosen eröffnen Zugang zu Hilfe, Nachteilsausgleichen und Unterstützungsleistungen, prägen aber zugleich Identitäten und können Stigmata verstärken. Neurodivergente Menschen befinden sich damit häufig in einer Zwickmühle: Wer Arbeitgeber, Schule oder Behörde über die eigene Diagnose informiert, kann auf Anpassungen und Unterstützung hoffen, riskiert aber gleichzeitig Vorurteile und Diskriminierung. Anerkennung und Ausgrenzung liegen oft nur einen Offenbarungssatz auseinander. Mackenthun (2026) beschreibt diese Spannung als eine der zentralen ethischen Herausforderungen, die das Neurodiversitätskonzept für Klinik und Gesellschaft aufwirft.
Konzeptionell hilfreich ist die in der Literatur etablierte Unterscheidung dreier Verwendungsweisen des Begriffs „Neurodiversität”, die Dwyer (2022) für den Forschungskontext aufbereitet hat:
- ein deskriptiver Ansatz, der Neurodiversität als wertneutrale Tatsache der Gehirnvielfalt beschreibt,
- ein normativer Ansatz, der Neurodiversität als schützenswertes Paradigma begreift und Pathologisierung ablehnt,
- ein politischer Ansatz, der Neurodiversität als Grundlage von Aktivismus und Antidiskriminierungsansprüchen nutzt.
Je nachdem, welchen Ansatz KlinikerInnen verfolgen, ergeben sich unterschiedliche therapeutische Haltungen und Behandlungsziele, insbesondere im konkreten Umgang mit neurodivergenten KlientInnen.
Klinische Konsequenzen: Der neurodiversitätsaffirmative Ansatz
Für die Praxis ist insbesondere der normative Ansatz handlungsleitend, da er die konzeptionelle Grundlage des neurodiversitätsaffirmativen Vorgehens bildet. Statt das Therapieziel an einer neurotypischen Norm auszurichten, rückt dieser Ansatz die konkrete Lebenssituation der Person, ihre Ressourcen und jene Belastungen in den Fokus, die durch gesellschaftliche Ausgrenzung entstehen, ohne dabei Beeinträchtigungen zu leugnen, sondern mit dem Ziel einer veränderten Rahmung.
Besondere Aufmerksamkeit verdient das Phänomen des Maskings, also die aufwendige Anpassung an neurotypische Erwartungen und Verhaltensweisen. Masking ist mit schlechteren psychischen Gesundheitsoutcomes (u. a. Depressionen, Angststörungen und Burnout) assoziiert und sollte als eigenständige Belastungsquelle in pädagogischen und klinischen Kontexten explizit berücksichtigt werden (Grummt, 2025). Eng damit verknüpft ist die Frage der Identitätsentwicklung: Stark et al. (2025) zeigen in einer qualitativen Studie mit Mitarbeitenden eines spezialisierten Neurodevelopmental-Teams in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, dass TherapeutInnen durch Sprache, Haltung und Praxis aktiv dazu beitragen können, eine positive neurodivergente Identität zu fördern oder zu untergraben. Dies deckt sich mit dem Scoping Review von Black et al. (2024), das soziale Unterstützungssysteme als die am häufigsten identifizierten externen Resilienzfaktoren bei neurodivergenten Menschen benennt, neben Gemeinschaftsteilhabe und individuellen Fähigkeiten wie Emotionsregulation. Sprachsensibilität spielt dabei eine unterschätzte Rolle: Welche Begriffe PatientInnen für sich selbst verwenden, gibt Hinweise auf ihre Haltung zur eigenen Diagnose und auf Identitätsprozesse, die auch therapeutisch relevant sein können (vgl. Bury et al., 2026). KlinikerInnen, die diese Sprache ernst nehmen und aufgreifen, können eine Grundlage für eine affirmative Arbeitsbeziehung schaffen.
Gleichzeitig bleibt die klinische Verantwortung unverändert bestehen. Suizidalität, funktionale Einbußen und psychiatrische Komorbiditäten dürfen nicht bagatellisiert werden. Diagnostik, Beratung und Behandlung behalten ihre Relevanz. Der affirmative Ansatz verändert ihre Rahmung und Zielsetzung, nicht jedoch ihre Notwendigkeit.
Gesellschaftliche Dimension
Neurodiversität erweitert das soziale Modell von Behinderung: Nicht das Individuum ist das Problem, sondern die Barrieren, die neurodivergente Menschen an der gesellschaftlichen Teilhabe hindern. Politische Forderungen der Bewegung betreffen vor allem Antidiskriminierung, einen verbesserten Zugang zu Diagnostik und Versorgung sowie eine Abkehr von ausschließlich defizitorientierten Forschungsagenden.
Doch der Ansatz hat auch blinde Flecken. Jones und Orchard (2024) warnen, dass sich Neurodiversität zunehmend vom Behinderungsbegriff löst und vor allem denjenigen zugutekommt, die ohnehin am weitesten von struktureller Benachteiligung entfernt sind. Die Bewegung stuft bestimmte neurodivergente Menschen als gesellschaftlich wertvolle LeistungsträgerInnen ein, während Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf oder Lernschwierigkeiten weitgehend unsichtbar bleiben. Ein Beispiel hierfür ist die wachsende Zahl von Neurodiversity-Hiring-Programmen großer Unternehmen, die neurodivergente Mitarbeitende als produktive Ressource entdecken, ohne strukturelle Barrieren grundlegend anzutasten. Hinzu kommt die Ausblendung historischer Zusammenhänge: Indem Neurodiversität die Geschichte psychischer Behinderung ausblendet, wird das Konzept besonders leicht von Institutionen vereinnahmt, die gleichzeitig strukturell gegen behinderte Menschen agieren, ein Widerspruch, der im öffentlichen Diskurs kaum thematisiert wird (Jones & Orchard, 2024). Die Frage, für wen Neurodiversität als politisches Konzept eigentlich spricht und ob ihre gesellschaftliche Normalisierung substanzielle Inklusion oder vor allem symbolische Politik bedeutet, bleibt damit offen.
Ein einstündiges Webinar zum Thema Neurodiversität in der Arbeitswelt (mit Schwerpunkt Autismus und auch ADHS) finden Sie hier:
- Black, M. H., Helander, J., Segers, J., Ingard, C., Bervoets, J., Grimaldi de Puget, V., & Bölte, S. (2024). Resilience in the face of neurodivergence: A scoping review of resilience and factors promoting positive outcomes. Clinical Psychology Review, 113, 102487. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2024.102487
- Botha, M., Chapman, R., Giwa Onaiwu, M., Kapp, S. K., Stannard Ashley, A., & Walker, N. (2024). The neurodiversity concept was developed collectively: An overdue correction on the origins of neurodiversity theory. Autism, 28(6), 1591–1594. https://doi.org/10.1177/13623613241237871
- Bury, S. M., Dwyer, P., Flower, R. L., Richardson, E. K., & Spoor, J. R. (2026). Divergent, Minority or Spicy? Neurodiversity Language Preference for Autistic, ADHD, Dyslexic, and Autistic+ADHD People. Neurodiversity, 4, 1–17. https://doi.org/10.1177/27546330261430009
- Catala, A. (2023). Understanding neurodiversity, unlearning neuronormativity. APA Blog. https://blog.apaonline.org/2023/04/11/understanding-neurodiversity-unlearning-neuronormativity
- Chellappa, S. L. (2025). Addressing multiple neurodivergent identities in clinical and research settings. The Lancet Child & Adolescent Health, 9, 5–6. https://doi.org/10.1016/s2352-4642(24)00261-x
- Dwyer, P. (2022). The Neurodiversity Approach(es): What Are They and What Do They Mean for Researchers? Human Development, 66, 73–92. https://doi.org/10.1159/000523723
- Fung, L. K., & Doyle, N. (2021). Neurodiversity: The new diversity. In L. K. Fung (Hrsg.), Neurodiversity: From phenomenology to neurobiology and enhancing technologies (pp. 1–18). American Psychiatric Association Publishing.
- Fung, L. K. (Hrsg.). (2021). Neurodiversity: From phenomenology to neurobiology and enhancing technologies. American Psychiatric Association Publishing.
- Grummt, M. (2025). Neurodiversität: die Sehnsucht nach kultureller Anerkennung, die Macht der neurotypischen Gesellschaft und Ansprüche an neurodiversitätsreflexive Pädagogik (1. Aufl.). Weinheim: Beltz Juventa.
- Jones, E. K., & Orchard, V. (2024). Neurodiversity and disability: What is at stake? BMJ Medical Humanities, 50(3), 456–465. https://doi.org/10.1136/medhum-2023-012808
- Mackenthun, G. (2026). Diskussion um Neurodiversität: Unschlüssig zwischen Medizin und Identitätspolitik. Deutsches Ärzteblatt PP, Heft 2, 73–74.
- Sinclair, J. (1993). Don’t mourn for us. Our Voice, 1(3). http://www.autreat.com/dont_mourn.html
- Sonuga-Barke, E., & Thapar, A. (2021). The neurodiversity concept: is it helpful for clinicians and scientists? The Lancet Psychiatry, 8, 559–561. https://doi.org/10.1016/s2215-0366(21)00167-x
- Stark, E., Stacey, J., & Knight, M. T. (2025). Autism, Identity and Clinical Practice: Supporting Positive Identity Development in Neurodivergent Children and Young People. Neurodiversity, 3. https://doi.org/10.1177/27546330251370652
