Das Wesentliche erfassen und den Therapiealltag beleben

Das fokussierte Selbst

Störungsbilder und therapeutische Fragestellungen sind komplexer geworden; einfache Erklärungsmodelle helfen da oft nicht weiter. Gleichwohl können einfache Bilder eine Orientierung unterstützen. Es ist wie im Straßenverkehr: Optimal wäre es, vor der Abfahrt genau zu wissen, wo genau man sich befindet, wohin man will und wie man an dieses Ziel gelangt. Hat man sich dann doch verfahren, sind Land­ und Wegekarten äußerst hilfreich. Genauso wie eine ein­deutige Beschilderung, die klar signalisiert: Da geht’s lang.

Der Ansatz des „fokussierten Selbst“

Warum es sich und dem Klienten nicht auf ähnlichem Wege leichter machen? Beispielsweise dadurch, dass man ihn bit­tet, sein inneres Erleben und seine Veränderungswünsche unmittelbar durch ein Bild zum Ausdruck zu bringen? Die daraus gewonnenen Erkenntnisse können helfen, die Be­handlung sinnvoll zu gestalten.

Zu diesem Zweck wurde die Methode des „fokussierten Selbst“ entwickelt. Sie soll Therapeuten und die Menschen, die sie begleiten, dabei unterstützen, gemeinsam Kurs zu halten. Es gilt, das Wesentliche zu erfassen und die einer Problematik zugrundeliegenden zentralen Konflikte zu identifizieren und einzugrenzen. Relevante Themen, Konflikte und Zielsetzungen werden nicht nur besprochen, sondern in einen vorgegebenen Kreis gezeichnet. Dadurch erhalten Patient und Therapeut eine Art Landkarte, an der sie sich im Verlauf der Therapie immer wieder orientieren können. Wie ein Kompass helfen diese Bilder dabei, den Therapieprozess nachzuvollziehen und auf Kurs zu halten.

Der Kreis als fokussierendes Symbol

Der Kreis bietet in seiner schlichten Form eine ideale Projek­tionsfläche für den Ausdruck menschlichen Erlebens. Und welch beinahe magische Kraft der Kreis entfalten kann, lässt sich zum Beispiel im Sport beobachten: Bevor es auf dem Spielfeld rund geht, formiert sich die Mannschaft im Kreis. Man spricht sich gegenseitig Mut zu und bündelt die Kräfte. Archetypisch betrachtet werden dem Kreis dadurch ganz selbstverständlich zentrierende und aufbauende Wirkungen zugeschrieben – Qualitäten, die in jeder Therapie und Beratung für die Genesung und Weiterentwicklung von elementarer Bedeutung sind.

Einkreisen = Eingrenzen = Fokussieren

Die Kreisform lädt dazu ein, den Betrachtungswinkel auf das Wichtige einzugrenzen. Im Umkehrschluss bedeutet dies natürlich auch, dass Unwesentliches ausgegrenzt wird. Wie mit einem Fernrohr wählt man einen Ausschnitt aus, für den man sich näher interessiert. Dadurch richtet sich der Blick auf das Wesentliche und man kann es in Ruhe betrachten, weil anderes in diesem Moment ausgeblendet ist. So können die Patienten ihre Gefühle differenziert wahrnehmen, Ist- und Soll-Zustände erfassen und ihre Probleme auf der Zeitachse von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einordnen.

Neue Ordnung für konstruktive Veränderungen

Die differenzierte Wahrnehmung und Verbildlichung des inneren Erlebens fördern die Ich-Stärke, und die wachsende Bewusstheit ermöglicht allmählich eine neue Ordnung, die konstruktive Veränderungen anbahnt. Durch die fokussierte Verbildlichung bekommt der Therapeut einen roten Faden an die Hand, an dem er sich und seine Behandlungsplanung ausrichten kann. So können beide – Therapeut und Patient – die zentralen Themen besser im Blick behalten. Die Methode des „fokussierten Selbst“ selbst ist einfach zu erlernen, in der Anwendung sind jedoch Sorgfalt, Achtsamkeit und Genauigkeit erforderlich.

Thomas Prünte Hamburg