Chronischer Stress, Burnout und psychosomatische Beschwerden

Wie können wir in der Psychotherapie helfen?

Kennen Sie die Bilder aus dem Ausdauersport, wenn Athleten nach dem Zieleinlauf erschöpft zu Boden sinken? Sie geben alles – und dürfen die Intensität der Anstrengung auch zeigen. Vergleichen wir dies mit Artisten im Zirkus: Sie vollbringen ebenfalls Höchstleistungen, doch scheint dies mit einer gewissen Leichtigkeit zu geschehen. Nur aus der Nähe sehen wir, dass die Pose während des Applaus mit vor Anstrengung zitternden Armen eingenommen wird und Schweißperlen die Haut bedecken.

Was haben solche Eindrücke mit dem Arbeitsleben zu tun? Es gibt einen Trend zur ‚Ästhetisierung im Arbeitsleben‘: Es genügt nicht, die vielfältigen Aufgaben zu erledigen und permanent erreichbar zu sein – wir müssen dabei souverän auftreten und eine ausgeglichene Ausstrahlung an den Tag legen. Performance ist mehr als Leistungserbringung: es gilt, das Publikum in der Manege (z. B. Vorgesetzte oder Kunden) auch zu begeistern. Dadurch erhöht sich die Intensität der erlebten Beanspruchung im Arbeitsleben für viele Menschen signifikant.

Es überrascht nicht, dass die Anteile psychischer Erkrankungen (wie auch psychisch mit bedingter Erkrankungen wie Rückenleiden) weiter steigen. Bei der Entstehung spielen, entsprechend des Diathese-Stress-Modells, arbeitsbezogene Belastungen und daraus resultierende Beanspruchungsreaktionen eine bedeutsame Rolle. In der psychotherapeutischen Praxis stellt sich oftmals die Frage, wie wir bei Erschöpfung und stressbedingten Erkrankungen helfen können, haben wir doch in aller Regel keinen Einfluss auf Arbeitsgestaltung, Führung oder organisationale Rahmenbdingungen.

Auf der Grundlage eines transaktionalen Verständnisses von Stress sind wir uns bewusst, dass es keine lineare Beziehung gibt zwischen Stressoren (z. B. Arbeitsmenge) und Beanspruchungsreaktionen (z. B. psychosomatischen Problemen). Ressourcen und Bewertungsprozesse spielen eine wichtige Rolle: Über welche persönlichen und sozialen Ressourcen verfügt eine Person? Reichen die zur Verfügung stehenden Ressourcen für eine erfolgreiche Bewältigung subjektiv aus (positiver Stress) oder scheint eine Überforderungssituation vorprogrammiert (negativer Stress)?

Betten wir unser Vorgehen in ein verhaltenspsychologisches S-O-R Modell ein (Stimulus-Organismus-Response), so können wir psychotherapeutisch auf allen drei Ebenen ansetzen:

  • Stimulus-Ebene: Der Ausbau persönlicher Ressourcen (z. B. fachlicher und methodischer Kompetenzen) und sozialer Ressourcen (z. B. gegenseitige Unterstützung im Team) verbessert die Möglichkeiten zur Bewältigung von Stressoren. Hier können auch Problemlösestrategien oder Kommunikationstechniken (z. B. selbstsicheres Vertreten eigener Ansprüche) wertvolle Beiträge leisten.
  • Organismus-Ebene: Neben der Weiterentwicklung von Selbstwirksamkeitsüberzeugungen sowie kognitiven und emotionalen Bewertungsmustern stehen hier Leistungsmotive und innere Antreiber im Mittelpunkt. Wie wichtig sind etwa Wettbewerbs- oder Statusmotive bei eigener Performance? Welche Rolle spielen Perfektionismus oder auch überzogene Hilfsbereitschaft?
  • Response-Ebene: Wir unterscheiden Beanspruchungsreaktionen auf sozialer (z. B. Rückzug), kognitiver (z. B. Konzentrationsprobleme), emotionaler (z. B. Ärger oder Ängste) und psychophysiologischer (z. B. Muskelverspannungen) Ebene.

Beispielhaft möchten wir die psychophysiologische Ebene kurz näher beleuchten, spielt diese doch gerade bei chronischem Stress eine wichtige Rolle. Während der Leistungsphase sind Aktivierung und Anspannung oft in dysfunktionaler Weise überhöht (erfasst z. B. über Hautleitwert und Muskeltonus) und in Pausenzeiten ist die vegetative Regeneration nicht effektiv genug (erfasst z. B. über die Hauttemperatur). Auf diesen Gebieten ist die Wirksamkeit von Biofeedback empirisch sehr gut belegt. Anhand von Echtzeit-Rückmeldungen lernen Patienten, innere Prozesse positiv zu beeinflussen, um chronische Stressreaktionen, Erschöpfung und psychosomatische Störungen zu überwinden. Biofeedback lässt sich mit klassischen Entspannungsverfahren ebenso kombinieren, wie z. B. mit Achtsamkeitsübungen. Um damit systematisch und intensiv zu arbeiten, empfiehlt sich eine fundierte Weiterbildung und die Anschaffung eines vielseitig einsetzbaren Mehrkanal-Systems. Um zu beginnen, in der eigenen psychotherapeutischen Arbeit diese Möglichkeiten zu nutzen, genügt aber eine kostengünstige mobile Lösung über Smartphone oder Tablet. Die dafür erforderlichen Kenntnisse und praktischen Fertigkeiten können in einem entsprechenden Seminar aus dem Angebot der DPA erworben werden.

Simone Kubowitsch, Dipl.-Psych.
Dr. Karl Kubowitsch, Dipl.-Psych.

Die Autoren leiten bei der Deutschen Psychologen Akademie das Seminar „Chronischer Stress, Burnout, psychosomatische Beschwerden