Notfallpsychologen im Einsatz nach Terroranschlag in Berlin

Bericht. Dipl.-Psych. Dr. Gerd Reimann, Notfallpsychologe BDP

Am 19.12.2016 raste ein LKW gegen 20.00 Uhr auf einen Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche und es wurden 12 Menschen getötet und weitere 50 verletzt.

Bereits gegen 22.00 Uhr wurden die Notfallpsychologen alarmiert mit der Bitte , für den nächsten Tag zur Verfügung zu stehen. Zeitgleich wurde das Leitungsteam der Notfallpsychologie der Sektion Klinische Psychologie im BDP mit einbezogen. Die Alarmierung erfolgte durch einige Berliner Firmen, die ihre Führungskräfte und MitarbeiterInnen so gut wie möglich in dieser seltenen und traumatisierenden Situation unterstützen wollten. Es waren insgesamt fünf Notfallpsychologen bis zum 21.12.2016 im Einsatz. Unterstützt wurden insgesamt drei Unternehmensstandorte. Dort fanden einige Gruppeninterventionen sowie zahlreiche Einzelgespräche statt. Die Führungskräfte wurden bei der Vorbereitung und Durchführung von Krisenmanagements-Briefings und bei der internen und externen Krisenkommunikation unterstützt.

Für zahlreiche Fragen mussten schnell Antworten und Lösungen gefunden werden:

  • Wie gehen wir mit MitarbeiterInnen um, die nicht zur Arbeit erschienen sind oder sich krank gemeldet haben?
  • Wie gehe ich mit KollegInnen und MitarbeiterInnen um, die bereits in der Vergangenheit einen Anschlag erlebt haben?
  • Wie kann ich meine MitarbeiterInnen am besten unterstützen?
  • Wer kontaktiert MitarbeiterInnen, die wegen Verletzungen stationär behandelt werden?
  • Wie kann ich die Familien meiner MitarbeiterInnen am besten unterstützen?

Die MitarbeiterInnen waren sehr unterschiedlich vom Anschlag betroffen. Einige zeigten deutliche Anzeichen von Angst, Hilflosigkeit, Wut oder Trauer. Mit den Führungskräften und MitarbeiterInnen wurden hilfreiche Bewältigungsstrategien ausgearbeitet, mit dem Ziel wieder in die Normalität zurückzufinden (z.B. miteinander reden, gegenseitige Unterstützung, Aktivierung individueller Ressourcen).

Nachdem es sich herum gesprochen hat, dass Notfallpsychologen zur Seite stehen, meldete sich eine Mitarbeiterin, die nicht an Ihrem Arbeitsplatz erschienen war, mit den folgenden Informationen und Fragen: „Ich arbeite im 8. Stock mit Blick auf den Breitscheidtplatz. Auf dem Weg zur Arbeit müsste ich am LKW und am Ort des Geschehens vorbei. Ich weine jetzt schon die ganze Zeit und auf Arbeit wird das auch so sein. Sollte ich mir das jetzt ansehen, oder morgen, oder übermorgen?“

Zwei der Notfallpsychologen waren auf der Gedenkveranstaltung am 20.12.2016 in der Gedächtniskirche dabei. Vorher erfolgte eine Abstimmung mit den offiziellen Einsatzkräften der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV), die einer Kooperation ausdrücklich zustimmten. Ein Ehepaar, das dem Anschlag entgangen war, freute sich über die Möglichkeit zu einem entlastenden Gespräch mit den NotfallpsychologInnen.